Die Geschichte der Welt ist leider auch eine Geschichte menschlicher Gewalt. Wann immer eine ausreichend geschwächte Gesellschaft auf starke Persönlichkeiten mit Zugang zu den nötigen Ressourcen trifft, ist früher oder später ein Ausbruch von Gewalt zu erwarten. Dabei ist es egal, ob die betreffende Gesellschaft materiellen Reichtum besitzt, kulturell hochentwickelt oder zutiefst moralisch verfasst ist. Notwendig ist lediglich, dass sie die Kraft und den Willen verloren hat, sich gegen Aggressoren zu verteidigen. Denn die gibt es überall. Auf dem Schulhof, im Militär, in Wirtschaft und Politik. Mächtige Staaten werden von ihnen geführt, nicht selten in kriegerische Auseinandersetzungen.
Gern wird zudem vergessen, dass zahlreiche gesellschaftliche Errungenschaften, auf welche wir zu Recht stolz sind, ebenfalls auf Gewalt basieren. Der Rechtsstaat beispielsweise, der Schutz von Minderheiten und Landesgrenzen und auch der Sozialstaat. Der Betrieb und Fortbestand dieser Institutionen ist darauf angewiesen, dass Menschen in ihre Schranken verwiesen werden, um die allgemein akzeptierten Regeln des Zusammenlebens zu schützen. Vor dem Immobilienentwickler, welcher sich durch Bestechung Vorteile verschafft, dem Drogenhändler am Bahnhof, dem Bürgergeldempfänger, der arbeiten kann, es aber nicht will, und so weiter.
Eine eigenwillige Form des Selbstschutzes propagiert die US-amerikanische National Rifle Association, ein Gewehr in jedem Haus. Zum Glück hat sich das bei uns nicht durchgesetzt. Daher stehen jährlich 20.000 Todesopfer durch Schusswaffen in den USA rund 70 bei uns gegenüber. Doch auch der vielseitig propagierte absolute Gewaltverzicht war in der Geschichte kein Erfolgsrezept. Das ist außerordentlich schade. Weil es natürlich schöner wäre, wenn freier Informationsfluss, Reisen und Bildung über Zeit ein Umfeld erschaffen würden, in dem Gewalt keine Rolle mehr spielt. Geträumt wird dieser Traum immer wieder, bei uns zuletzt in den 90ern, als das Internet zum universellen Heilsbringer erklärt wurde. Was sollte das Netz nicht alles in Ordnung bringen? Die Macht der Konzerne brechen, Völkerverständigung verwirklichen, Unterdrückung und Krieg unmöglich machen, kostenfreie Bildung für jeden, die Privatsphäre schützen. Tja, mit bekanntem Ausgang.
Natürlich ist fortschreitendes Wissen hilfreich, denn damit wächst oft auch das Verständnis für Andere und der Wille zur Kooperation. Doch ebenso wichtig ist es, dass Aggression, jede Form der Vorteilsnahme durch Androhung oder Ausübung von Gewalt, mit offensichtlichen Risiken verbunden ist. Denn Gewalt kann dauerhaft nur eingehegt werden, wenn der Aggressor selbst Angst vor den negativen Auswirkungen ihrer Anwendung hat. Wehrhaftigkeit heißt dieses Konzept für Staaten. Für den Einzelnen heißt es Fitness. Es ist sinnvoll, diese nicht nur zu besitzen, sondern auch öffentlich zu zeigen. Potenzielle Aggressoren müssen wissen, was auf sie zukommt, um ihr Verhalten anzupassen.
Das klingt schrecklich martialisch und unzivilisiert, nach primitiver Propaganda für eine Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt. Doch es lohnt sich auch für eingefleischte Pazifisten und bedingungslose Menschenfreunde, diesen Gedanken weiterzudenken. Vielleicht kommen sie dabei nicht zur altrömischen Erkenntnis: Wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg. Doch logisches Denken und Berichte über die öffentliche Sicherheit auf unseren Straßen führen schon in eine etwas robustere Richtung.
Für den Einzelnen sind Muskeln und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten besser geeignete Selbstschutzmaßnahmen als die Walther P5 im Holster oder eine Kalaschnikow im Kleiderschrank. Statt auf einen starken Staat zu hoffen oder bloß rumzujammern, fängt man besser bei sich selbst an. Das ist anstrengend, doch es lohnt sich.